Gelesen:

Nominiert für den deutschen Buchpreis, ausgezeichnet mit dem W.G.-Sebald-Literaturpreis:

Das Schwarz an den Händen meines Vaters von Lena Schätte

Kurz, nicht nur in der Seitenanzahl, auch in seinen Sätzen, Kapiteln und Beschreibungen, aber stets auf den Punkt, dahin, wo es wehtut.
Lena Schättes Erzählweise mag sicherlich nicht jede*r, aber für mich geht ihr Konzept genau auf. In Schlaglichtern beschreibt sie den Alltag der Erzählerin Motte, der irgendwie dauernd Ausnahmezustand ist, zerpflückt, zerstückelt, verzerrt von der Sucht – ihrer und der, die in ihrer Familie seit Generationen weitergegeben wird. Dabei wechseln sich Zärtlichkeit und Härte ab, an keiner Stelle hat man das Gefühl, dass Figuren verurteilt werden für das, was sie tun, und der Autorin gelingt es, in kleinen Kapiteln (oft nur zwei oder drei Seiten lang) in aller Wucht darzustellen, wie sich der Alkohol durch das Leben der Erzählerin frisst. Bücher über Alkoholismus gibt es einige, aber dennoch halte ich es für wichtig, dass genau diese Geschichte erzählt wird.

Ich frage sie, ob sie nie getrunken hat. Nein, das ging nicht, schüttelt sie den Kopf.

Dass Frauen nicht trinken, dass Alkoholiker*innen ihr Leben nicht mehr auf die Reihe bekommen, dass Familienmitglieder abhauen oder wegsehen, das sind nicht die einzigen Klischees, mit denen Schätte aufräumt. Auch, dass es kaum Hoffnung gebe, dass man sowieso wieder rückfällig werde, will dieses Buch nicht erzählen. Zumindest lässt es einen nicht völlig hoffnungslos zurück, bei all der Dunkelheit und Schwärze, die sich da beim Lesen zwischen den Seiten ausbreitet.
Ich bin beeindruckt davon, wie wenig Worte die Autorin braucht, um so viel zu zeigen, so komplexe, verworrene Gefühle spürbar zu machen und wie schmerzhaft-schön einzelne Passagen sind. Das Innen und Außen der Figuren, finde ich, greift so gelungen ineinander. Wo Motte in der Dunkelheit ihrer Wohnung versucht, auf die Füße zu kommen, während gleich nebenan aus dem Kindergarten Freudenschreie zu hören sind, da spiegelt sich ein ähnlicher Zweiklang in ihrem Innern.
Ein Text, der schnell gelesen ist, und dafür umso länger nachwirkt.

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