Nincshof von Johanna Sebauer
Gelesen:
29. Juli 2026

Ein eigenwilliges Buch über ein eigenwilliges Dorf.
Da ich sowieso großer Fan von Dorfgeschichten bin, hat mich der Klappentext neugierig gemacht, und ja, es gibt eine Dorfgeschichte. Mit alten Frauen, die sich so lange kennen, dass sie schon nicht mehr wissen, ob sie sich eigentlich mal wirklich mochten oder immer nur in der dörflichen Enge zueinander gezwungen waren, mit Gerüchten und Getuschel, das es für Neuankömmlinge fast unmöglich macht, sich willkommen zu fühlen, mit all dem Misstrauen gegenüber der Stadt und der Welt außerhalb des Dorfes, wo man andere Traditionen kennt und an den Vordertüren klingelt, anstatt selbstverständlich hintenrum zu kommen.
Die Idee, dass ein ganzes Dorf vergessen werden will, fand ich faszinierend, wenn sie auch etwas anders umgesetzt wurde, als von mir erwartet. Eine Geschichte wie diese kann man nicht zackig erzählen, aber das langsame Einleiten in Kombination mit der teils sperrigen Sprache hat dazu geführt, dass ich länger gebraucht habe, um wirklich in den Text zu finden. Grundsätzlich hatte ich auch Freude an den ausschweifenden Formulierungen, den Sätzen, die sich stets Zeit nahmen, auch für Vor- und Nachnamen jeder einzelnen Figur, aber ich hätte mir ab und zu einen Bruch gewünscht, um zumindest zeitweise das Tempo zu erhöhen. Das ist vermutlich einfach eine persönliche Geschmackssache, hätte mir aber größere Lesensfreude beschert.
Toll fand ich, wie viel Recherche und Detailwissen Sebauer hineingesteckt hat und so niedergeschlagen ich war, als ich herausfand, dass es Irrziegen gar nicht wirklich gibt und ich mir nach dem Lesen nicht noch hin und wieder ein paar lustige Fotos von ihnen anschauen kann – umso größer mein Respekt dafür, diese Täuschung so gut hinzubekommen.
Ein bisschen schade fand ich außerdem, dass die durchaus sehr politische Ebene im Text nur so wenig angeschnitten wurde. Das Buch ist zwar schon ein paar Jahre alt, aber schon damals und ganz besonders aus heutiger Sicht hätte ich da gerne mehr gehabt. In Zeiten, in denen globale Politik schon lange nicht mehr funktioniert und die wirkliche und revolutonäre Kraft in lokaler Organisation und Gemeinschaft steckt, hätte ich davon gerne mehr gelesen. Auf der anderen Seite haben wir hier aber auch ein Beispiel dafür, dass der Fokus auf die eigene kleine Gemeinschaft dazu führen kann, schon das hundert Meter weiter gelegene Nachbardorf auszuschließen, ein kleines Plädoyer dafür also, nicht nur zu schauen, wen man einschließt, sondern immer auch, wer außen vor bleibt.
Mein Fazit: Lesenswert, witzig und trotzdem mit Gehalt, fordert aber auch einiges an Geduld, bis man mit den Nincshofern warm wird und sie lieben lernt.
- Gelesen:
Das Schwarz an den Händen meines Vaters von Lena Schätte

Kurz, nicht nur in der Seitenanzahl, auch in seinen Sätzen, Kapiteln und Beschreibungen, aber stets auf den Punkt, dahin, wo es wehtut.
Lena Schättes Erzählweise mag sicherlich nicht jede*r, aber für mich geht ihr Konzept genau auf. In Schlaglichtern beschreibt sie den Alltag der Erzählerin Motte, der irgendwie dauernd Ausnahmezustand ist, zerpflückt, zerstückelt, verzerrt von der Sucht – ihrer und der, die in ihrer Familie seit Generationen weitergegeben wird. Dabei wechseln sich Zärtlichkeit und Härte ab, an keiner Stelle hat man das Gefühl, dass Figuren verurteilt werden für das, was sie tun, und der Autorin gelingt es, in kleinen Kapiteln (oft nur zwei oder drei Seiten lang) in aller Wucht darzustellen, wie sich der Alkohol durch das Leben der Erzählerin frisst. Bücher über Alkoholismus gibt es einige, aber dennoch halte ich es für wichtig, dass genau diese Geschichte erzählt wird.Ich frage sie, ob sie nie getrunken hat. Nein, das ging nicht, schüttelt sie den Kopf.
Dass Frauen nicht trinken, dass Alkoholiker*innen ihr Leben nicht mehr auf die Reihe bekommen, dass Familienmitglieder abhauen oder wegsehen, das sind nicht die einzigen Klischees, mit denen Schätte aufräumt. Auch, dass es kaum Hoffnung gebe, dass man sowieso wieder rückfällig werde, will dieses Buch nicht erzählen. Zumindest lässt es einen nicht völlig hoffnungslos zurück, bei all der Dunkelheit und Schwärze, die sich da beim Lesen zwischen den Seiten ausbreitet.
Ich bin beeindruckt davon, wie wenig Worte die Autorin braucht, um so viel zu zeigen, so komplexe, verworrene Gefühle spürbar zu machen und wie schmerzhaft-schön einzelne Passagen sind. Das Innen und Außen der Figuren, finde ich, greift so gelungen ineinander. Wo Motte in der Dunkelheit ihrer Wohnung versucht, auf die Füße zu kommen, während gleich nebenan aus dem Kindergarten Freudenschreie zu hören sind, da spiegelt sich ein ähnlicher Zweiklang in ihrem Innern.
Ein Text, der schnell gelesen ist, und dafür umso länger nachwirkt.