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DSCHINNS von Fatma Aydemir

Gelesen:
03. August 2026

Bewertung: 5 von 5.

Ich bin die Kluft zwischen deinem Glauben und deinem Handeln. Ich bin der Widerspruch zwischen dem Bild, das du von dir selbst hast, und dem Gesicht, das du den anderen zeigst. Ich bin die Lücke zwischen dem, was du für richtig hältst und für falsch, der feine Riss in deiner Moral, der Zwiespalt zwischen deinem Sein und deinem Sollen. Ich bin einfach nur die Stimme in deinem Kopf, Emine. Ich bin nichts ohne dich.

Der Dschinn ist immer da, aber zeigen tut er sich fast nie. Nur ganz zu Anfang und zum Schluss einmal, da taucht er auf, huscht über die Zeilen, streift uns mit seiner Magie, als würden wir plötzlich eine kühlere Luftschicht durchlaufen, die auch schon wieder weg ist, bevor wir sie zu fassen kriegen.

Trotz des Titels geht es in Fatma Aydemirs Roman eigentlich nicht um die Dschinns, oder zumindest nicht vordergründig. Es geht um eine Familie, um zwei Eltern, um fünf Geschwister, es geht um so vieles, dass man kaum glaubt, ein einzelner Roman sei imstande, es zusammenzuhalten, und doch gelingt es der Autorin so unglaublich gut, dass ich beim Lesen nur immer wieder staunen konnte.

Zusammengehalten wird die Handlung, wie eigentlich auch die Familie durch Hüseyin und Emine, aber sie sind nicht die Hauptfiguren dieses Textes, sondern eher Knotenpunkte, an denen es immer wieder zusammenläuft, Glutkerne, an denen es sich immer wieder entzündet.

Von Anfang an hatte ich schon im Gefühl, dass „Dschinns“ ein gutes Buch werden würde, und ich bin durchgeflogen, habe mich gleichzeitig zur Langsamkeit ermahnt, weil ich nicht wollte, dass es bald endet. Schon die erste Figur, der fünfzehnjährige Ümit wird mit so viel Einfühlungsvermögen und Sensibilität beschrieben, dass ich regelrecht enttäuscht war, als ich herausfand, dass er (wie alle anderen Figuren auch) nur ein einziges Kapitel bekommt und seine POV danach nicht mehr auftaucht. Aber entschädigt wurde ich dadurch, wie außerordentlich es der Autorin gelingt, auch die Perspektiven und Lebensrealitäten der anderen Figuren darzustellen, so unterschiedlich sie auch sein mögen.
Wahrscheinlich liegt auch gerade in der Kürze der jeweiligen POV eine der Stärken des Buches. Bei „Familienroman“ denke ich eher an ein 800-900 Seiten Epos, das Jahre und Jahrzehnte umspannt und das ist dieser Roman überhaupt nicht. Von Hüseyins Versterben bis zum (wirklich beeindruckenden) Ende vergehen gerade mal zwei Tage. Die einzelnen Kapitel sind vom Stil her fast schon mit Kurzgeschichten zu vergleichen, mit Spannungsbogen, unerwarteter Wendung/Auflösung und so ausführlich wie nötig, aber so knapp wie möglich geschrieben. Dennoch spannen sich die feinen Verbindungsfäden zwischen den einzelnen Geschwisterkindern, auch auf Arten, die man zunächst nicht vermutet. Es ist aber nicht nur die Dramaturgie innerhalb der einzelnen Kapitel, sondern auch der Gesamtspannungsbogen, der überzeugt. Dabei wird die eigentlich krasse Wendung kurz vor Schluss so sanf eingewebt, ohne großen Aufschrei und dennoch mit heftiger Erschütterung, dass mir erst ein paar Seiten später klar wurde, was da eigentlich passiert war.
Am Ende ist längst nicht aller Schmerz gestillt, längst sind nicht alle Fragen beantwortet und trotzdem habe ich das Gefühl, der Text ist genau so rund und hätte keine Seite mehr haben dürfen. Nach dem letzten Kapitel bleibe ich mit großer Bewunderung zurück, vor allem dafür, wie man eine so schwierige, zuvor so unverständliche und ein bisschen verhasste Figur mit so viel Feingefühl beschreiben kann, dass ich zum Schluss sogar ihr Denken und Handeln verstehen kann. Das ist für mich der Kern wirklich großartiger Literatur: Verständnis schaffen und den Blick öffnen, auch für das, was man nicht wahrhaben möchte.
Viele enorm wichtige Themen, verpackt in einem toll geschriebenen Roman – so sollte Literatur viel häufiger sein!

Nincshof von Johanna Sebauer

Bewertung: 4 von 5.

Gelesen:
29. Juli 2026


Ein eigenwilliges Buch über ein eigenwilliges Dorf.
Da ich sowieso großer Fan von Dorfgeschichten bin, hat mich der Klappentext neugierig gemacht, und ja, es gibt eine Dorfgeschichte. Mit alten Frauen, die sich so lange kennen, dass sie schon nicht mehr wissen, ob sie sich eigentlich mal wirklich mochten oder immer nur in der dörflichen Enge zueinander gezwungen waren, mit Gerüchten und Getuschel, das es für Neuankömmlinge fast unmöglich macht, sich willkommen zu fühlen, mit all dem Misstrauen gegenüber der Stadt und der Welt außerhalb des Dorfes, wo man andere Traditionen kennt und an den Vordertüren klingelt, anstatt selbstverständlich hintenrum zu kommen.
Die Idee, dass ein ganzes Dorf vergessen werden will, fand ich faszinierend, wenn sie auch etwas anders umgesetzt wurde, als von mir erwartet. Eine Geschichte wie diese kann man nicht zackig erzählen, aber das langsame Einleiten in Kombination mit der teils sperrigen Sprache hat dazu geführt, dass ich länger gebraucht habe, um wirklich in den Text zu finden. Grundsätzlich hatte ich auch Freude an den ausschweifenden Formulierungen, den Sätzen, die sich stets Zeit nahmen, auch für Vor- und Nachnamen jeder einzelnen Figur, aber ich hätte mir ab und zu einen Bruch gewünscht, um zumindest zeitweise das Tempo zu erhöhen. Das ist vermutlich einfach eine persönliche Geschmackssache, hätte mir aber größere Lesensfreude beschert.
Toll fand ich, wie viel Recherche und Detailwissen Sebauer hineingesteckt hat und so niedergeschlagen ich war, als ich herausfand, dass es Irrziegen gar nicht wirklich gibt und ich mir nach dem Lesen nicht noch hin und wieder ein paar lustige Fotos von ihnen anschauen kann – umso größer mein Respekt dafür, diese Täuschung so gut hinzubekommen.
Ein bisschen schade fand ich außerdem, dass die durchaus sehr politische Ebene im Text nur so wenig angeschnitten wurde. Das Buch ist zwar schon ein paar Jahre alt, aber schon damals und ganz besonders aus heutiger Sicht hätte ich da gerne mehr gehabt. In Zeiten, in denen globale Politik schon lange nicht mehr funktioniert und die wirkliche und revolutonäre Kraft in lokaler Organisation und Gemeinschaft steckt, hätte ich davon gerne mehr gelesen. Auf der anderen Seite haben wir hier aber auch ein Beispiel dafür, dass der Fokus auf die eigene kleine Gemeinschaft dazu führen kann, schon das hundert Meter weiter gelegene Nachbardorf auszuschließen, ein kleines Plädoyer dafür also, nicht nur zu schauen, wen man einschließt, sondern immer auch, wer außen vor bleibt.
Mein Fazit: Lesenswert, witzig und trotzdem mit Gehalt, fordert aber auch einiges an Geduld, bis man mit den Nincshofern warm wird und sie lieben lernt.

Das Schwarz an den Händen meines Vaters von Lena Schätte

Bewertung: 5 von 5.

Gelesen:
21. Juni 2026

Kurz, nicht nur in der Seitenanzahl, auch in seinen Sätzen, Kapiteln und Beschreibungen, aber stets auf den Punkt, dahin, wo es wehtut.
Lena Schättes Erzählweise mag sicherlich nicht jede*r, aber für mich geht ihr Konzept genau auf. In Schlaglichtern beschreibt sie den Alltag der Erzählerin Motte, der irgendwie dauernd Ausnahmezustand ist, zerpflückt, zerstückelt, verzerrt von der Sucht – ihrer und der, die in ihrer Familie seit Generationen weitergegeben wird. Dabei wechseln sich Zärtlichkeit und Härte ab, an keiner Stelle hat man das Gefühl, dass Figuren verurteilt werden für das, was sie tun, und der Autorin gelingt es, in kleinen Kapiteln (oft nur zwei oder drei Seiten lang) in aller Wucht darzustellen, wie sich der Alkohol durch das Leben der Erzählerin frisst. Bücher über Alkoholismus gibt es einige, aber dennoch halte ich es für wichtig, dass genau diese Geschichte erzählt wird.

Ich frage sie, ob sie nie getrunken hat. Nein, das ging nicht, schüttelt sie den Kopf.

Dass Frauen nicht trinken, dass Alkoholiker*innen ihr Leben nicht mehr auf die Reihe bekommen, dass Familienmitglieder abhauen oder wegsehen, das sind nicht die einzigen Klischees, mit denen Schätte aufräumt. Auch, dass es kaum Hoffnung gebe, dass man sowieso wieder rückfällig werde, will dieses Buch nicht erzählen. Zumindest lässt es einen nicht völlig hoffnungslos zurück, bei all der Dunkelheit und Schwärze, die sich da beim Lesen zwischen den Seiten ausbreitet.
Ich bin beeindruckt davon, wie wenig Worte die Autorin braucht, um so viel zu zeigen, so komplexe, verworrene Gefühle spürbar zu machen und wie schmerzhaft-schön einzelne Passagen sind. Das Innen und Außen der Figuren, finde ich, greift so gelungen ineinander. Wo Motte in der Dunkelheit ihrer Wohnung versucht, auf die Füße zu kommen, während gleich nebenan aus dem Kindergarten Freudenschreie zu hören sind, da spiegelt sich ein ähnlicher Zweiklang in ihrem Innern.
Ein Text, der schnell gelesen ist, und dafür umso länger nachwirkt.